| |
Kartenlegen
- historisch gesehen
Das Kartenlegen gehört zu den ältesten Orakeltechniken.
Wann und wo zum erstenmal aus Karten "gelesen"
wurde, ist unbekannt. Das "Wahrsagen" mit Karten,
ist in unserem Kulturbereich seit dem Ende des 14. Jahrhunderts
nachweisbar. Der Begriff Wahrsagen
ist mehr als doppeldeutig, verstand man doch in alter Zeit
darunter 'die Wahrheit zu finden oder zu sagen'.
Nur die Unwissenheit über die Tiefe, die wirklichen Hintergründe,
die Ernsthaftigkeit und die Angst vor der Wahrheit, in erweitertem
Sinne 'vor der Wirklichkeit', ließen diesen Begriff in die
Negativität abrutschen. Außerdem wurde es einer Volksgruppe
zugeordnet, den Zigeunern, die nicht beliebt waren. Die
Weisen unter dem 'fahrenden Volk' haben jedoch dazu beigetragen,
das Wissen um die alten Orakel-Techniken über das 'dunkle
Zeitalter' hinwegzuretten.
Man
sagt, dass alle Kartenspiele auf das Tarot zurückgehen,
das aus dem alten Ägypten stammt, oder sogar aus der legendären
Atlantischen Zeit, andere meinen aus China, aus Indien usw.
So viel über die Geschichte der Karten geschrieben wurde,
so viele Meinungen über die Herkunft gibt es. Die überwiegenden,
nachvollziehbaren Hinweise deuten jedoch auf Ägypten.
Wir
können davon ausgehen, dass sich die Kartenvorlagen des
Tarot aus den mystischen, heiligen Einweihungsbildern des
alten Ägypten entwickelt haben. Die Ägypter haben ihre Bildwerke
in Stein an den Wänden ihrer Tempel angebracht. Wie beeindruckend
müssen diese Einweihungsbilder, aufgebaut nach einer universellen
Ordnung, nach 'Zahl und Maß', ausgesehen haben.
Sie dienten zum Verständnis der Psyche und zur Entwicklung
der archetypischen, auf das Wachstum der Seele bezogenen
Lebensinhalte des Menschen.
Dem Umgang damit lag ein tiefenpsychologisches Konzept zugrunde,
das alles in den Schatten stellt, was heute unter Psychologie
verstanden wird.
Für diese Ausbildungs- und Einweihungszentren wurden nur
fortgeschrittene Adepten ausgewählt, solche, die eine logische
und emotionale Kombinationsgabe entwickelt hatten und bereits
Meister in Einfühlungsvermögen und Rezeptivität waren. So
mancher mag heute seine Affinität zu Karten aus dieser Vergangenheit
beziehen.
Die
Symbolik der Karten stellt ein faszinierendes Bindeglied
zu vergangenen Kulturen und deren Weltverständnis her, als
Spiele und das Spielen nicht ausschließlich zum Vergnügen
und zur Unterhaltung geschahen, sondern als Methoden angesehen
wurden, durch die man direktes Wissen von der nicht-materiellen
Welt erhalten konnte.
Der Mensch trat durch das Orakel in persönlichen Kontakt
zur Gottheit. Der Respekt vor dem Orakel hatte sich über
Jahrhunderte deshalb erhalten, da es in der Vorzeit den
Platz einer Gottesverfügung oder eines Gottes-Gerichtes
einnahm. Jede Handlung oder jedes Ereignis wurde als ein
bewusster Akt der Göttlichkeit angesehen.
Spiele
und 'Spielen' in alten Zeiten wurden als sakrale Handlungen
betrachtet und standen in direkter Verbindung zur Divination,
d.h. zur Kommunikation mit übergeordneten Seinsebenen.
Erst
mit der Verbreitung christlicher Gedanken wurde das Spielen
in diesem Sinne als falsch angesehen. Die Christen waren
der Ansicht, dass Divination an sich ein Übel sei, denn
sie glaubten, dass Gott nur durch heilige Männer oder Propheten
sprechen würde, und dass es Gotteslästerung sei, den Sehern
divinatorische Fragen zu stellen oder Orakel zu befragen,
da diese Kanäle unter dem alleinigen Einfluss des dämonischen
Reiches stünden.
Diese Einstellung bezog sich auf alle ursprünglichen Divinationsmethoden,
wie das Jahrtausende alte chinesische I Ging, Karten, Astrologie,
ja sogar auf Brettspiele. Obwohl heutzutage Brettspiele
nur als interessanter Zeitvertreib angesehen werden, sind
sie in ihrem Ursprung untrennbar verbunden mit Divination,
Astrologie und Geomantie.
***
Die
neue Attraktivität von Orakeltechniken gerade
für nachdenkliche, vor allem an der eigenen Selbstfindung
interessierte Menschen, ist kaum denkbar ohne den Beitrag
der Tiefenpsychologie.
Der
berühmte Schweizer Psychologe C.G. Jung ging hier richtungsweisend
voraus.
C.G. Jung hatte neben seinen eigentlichen denkerischen Schwerpunkten,
der psychotherapeutischen Praxis und der tiefenpsychologischen
Forschung, immer wieder lebhaftes Interesse gezeigt an zwei
weiteren Wissensgebieten: dem der Parapsychologie, besonders
mit den Phänomenen der Telepathie und des Hellsehens, und
dem der Kernphysik.
Auf
diesen Gebieten, die es beide mit schwer einzuordnenden
Beobachtungen zu tun haben, wie in manchen "normalen"
Erlebnissen des Alltags, aber auch in der alten fernöstlichen
Orakelphilosophie des "I Ging", glaubte er immer
wieder auf dieselbe Grundgegebenheit zu stoßen, die er auch
in seiner astrologischen Erfahrung antraf: Zur
selben Zeit, in welcher ein bestimmtes äußeres Ereignis
eintritt, stellt sich bei einem Menschen auch ein bestimmter
psychischer Zustand ein, und umgekehrt. Beide Ereignisse
sind sinngleich, d.h. sie zeigen denselben archetypischen
Inhalt.
Die
Begriffe der "Archetypen", "Synchronizität",
"kosmische Projektion" und das "kollektive
Unbewusste" der Menschheit wurden zu Grundpfeilern
seiner Arbeit. Das Stichwort "kosmische Projektion"
gründet auf einer Beobachtung Jungs, die für sein ganzes
psychologisches System grundlegend wurde: Er stellte fest,
dass in den Träumen, den Phantasien und den Malereien seiner
Patienten immer wieder Bilder auftauchten, die er in ähnlicher
Form auch in den Mythen, Sagen, Kulten und Symbolen urtümlicher
Kulturen wiederfinden konnte. Er kam zu der Annahme, dass
wir es hier mit einem Schatz von inneren Bildern zu tun
haben, welcher der ganzen Menschheit seit ihren Anfängen
gemeinsam ist und der seinen Wohnort in der tiefsten Schicht
jeder menschlichen Seele hat.
Dr.
Marie-Louise von Franz,
langjährige Mitarbeiterin von C.G. Jung, befasst sich in
ihrem Buch "Wissen aus der Tiefe" eingehend mit
dem Hintergrund von Orakeltechniken. Sie beschreibt
die archetypische Konstellation (in der das Muster und der
Hintergrund einer Lernphase zu sehen ist), als Situation,
die mit einer enormen Energie Druck auf den Menschen ausübt
und er in diesem Moment in der Lage ist, sein Inneres zu
beleuchten, freizugeben für die Sicht dessen, der das Orakel
lesen kann.
***
Der
'Blick hinter die Kulissen' erweitert selbstverständlich
unser Verständnis für das Leben schlechthin. Wir werden
konfrontiert mit der Privilegiertheit, ein 'Mensch' zu sein,
denn dieses Leben ist ein großes Geschenk, auch wenn es
so manchem mühsam und eher als eine Strafe erscheint. Sobald
wir das 'Spiel' und seine Regeln verstanden haben, werden
wir uns ohne Frage in den Welten der Bewusstseinsentwicklung
vorkommen wie jemand, dem man eine Luxusreise geschenkt
hat!
Wir
werden begreifen, dass eine Ebene der Polarität, wie diese
Erde, unendlich viele Möglichkeiten der Entwicklung und
des Wachstums bietet, und nicht nur das. Wir können uns
wahrhaftig als Reisende verstehen, als schöpferische Einheiten,
die wie Funken (Monaden), aus der göttlichen Quelle entsprungen,
ihre Bahnen ziehen und als Ausdruck dieser Schöpferqualität
zu einem gigantischen, kosmischen Prozess beitragen.
Auch
wenn wir auf der langen Reise vergessen haben sollten, wo
unsere Heimat und was unser Ursprung ist, so trägt jeder
von uns die Qualität der Göttlichen Quelle in sich. Wenn
wir auch mit Blindheit geschlagen sind und denken mögen,
dass es nur diese eine Reise im JETZT gibt, so werden wir
mit Sicherheit irgendwann und irgendwo wieder erkennen können,
wo unser Heimathafen ist. In Wahrheit fühlt es jeder von
uns ganz tief in seinem Inneren.
Diese
innere Gewissheit wurde über Äonen überlagert von Erfahrungen,
von Glück, von Leid, von Zweifeln und Schuld, von unterschiedlichen
Lebensprozessen in verschiedenen Daseinsformen. Unsere innere
Stimme jedoch - mag sie noch so leise schwingen - ist die
Verbindung zu unserem wahren Selbst, zu unserer göttlichen
Natur. Sie wird uns den richtigen Weg zeigen.
***
Kritische
Betrachtung
Hilfe aus den Karten kann nicht darin gesehen werden, die
Aussagen der Karten abstrakt, oder Voraussagen als schicksalsbedingt
und gegeben anzunehmen, sondern vielmehr darin, die derzeitigen
Lebensumstände zusammenfassend zu erkennen, Aspekte, Tendenzen
und Möglichkeiten wahrzunehmen, die noch nicht in unser
Alltags-Bewusstsein vorgedrungen sind, um z.B. die eigene
Einstellung zu korrigieren. Die Karten sollen zum Nachdenken
und zur Weiterentwicklung anregen. Im Vordergrund ist der
Hinweis nötig, dass alle Wege, die wir gehen, von uns selbst
gewählt und herbeigeführt wurden und, dass keiner sich mehr
vorgenommen hat, als er verkraften kann.
Den
Aussagen der Karten wird oft ein Erfüllungszwang nachgesagt.
Kritisch ist in der Tat zu betrachten, dass Zukunftsvoraussagen
hin und wieder fast fatalistisch erfüllt wurden, mit dem
Hinweis: "Die Karten haben es gesagt." Hier ist
an die Lebenseinstellung des Fragenden und an die Verantwortung
des Kartenlegers und dessen Formulierungen zu appellieren.
Dem Kartenlegen kann aus dieser Sicht keine Verantwortung
übertragen werden.
Wir
begegnen hier einer der bedeutendsten 'Schnittstellen' im
Bewusstsein. Hier muss sich die Frage von Selbstverantwortung,
Selbstvertrauen und Einsicht stellen. Andernfalls 'ergebe'
ich mich. Selbstverständlich ist an dieser Stelle eine Überprüfung
erforderlich, ob und was ich ändern will
bzw. ob ich den Kurs ändern kann. Auch wenn ein Kartenbild
aus der 'Momentaufnahme' innerhalb der Zeit eine voraussehbare
Entwicklung bzw. Wahrscheinlichkeit darstellt, die wir nicht
begrüßen können, so haben wir aber genau jetzt die Möglichkeit
einzugreifen und u.U. 'das Ruder herumzuwerfen'.
Zukunftsbezogene
Aussagen sind insofern mit Vorsicht zu genießen, als wir
ausgestattet sind mit einem freien Willen. Zumindest können
wir Lösungsmöglichkeiten und Alternativen ins Auge fassen.
In erster Linie erkennt man hier Aspekte und Möglichkeiten,
an denen man arbeiten kann.
Deshalb sollte die Möglichkeit, einen Blick in die Zukunft
zu werfen, niemals als Wahrsagerei oder Zukunftsdeutung
ausgelegt werden. Im Bereich der begehrten oder gefürchteten
Zukunftsaussagen muss man differenzieren, die meisten als
solche bezeichneten 'Vorhersagen' sind keine.
Sehr
einfach ist dies darzustellen an der hohen Kunst des Handlesens
- der Chirologie. Während eine Reihe von Handlinien flexibel
sind, verändern sich die wesentlichen, schicksalsbestimmenden
Handlinien nicht, sondern spiegeln auf unterschiedliche
Weise die Persönlichkeitsstruktur, die Ziele, die Lernaspekte,
die Aufgaben wider, die ein Mensch sich für dieses Leben
gestellt hat. Ein Chirologe, der Handlinien lesen kann,
ist darum kein 'Wahrsager'. Er nimmt, sofern es die Zukunft
betrifft, einen Einblick in den in der Zeit noch nicht stattgefunden
Lebensplan, er hat nur im linearen Zeitbegriff etwas 'im
voraus' erkannt, was sich von der Tendenz her in der Zukunft
einstellen kann.
|